Hier findet Ihr Erfahrungsberichte von Gastschülerinnen und -schülern.
No. 3, von Caroline Priese
Das Schicksal schlägt immer dann zu, wenn man am wenigsten damit rechnet. Nachdem ich die ersten fünf Monate meines Austausches hinter mir hatte, starb mein Opa. Mein erster Gedanke war: Ich fliege zurück! Mein Austausch ist beendet! Als ich dann jedoch mit meinen Eltern über meine Entscheidung gesprochen habe oder besser gesagt: ihnen mitgeteilt habe, was ich machen werde, war ich geschockt, wie sie nur daran denken konnten, dass ich meinen Austausch weiter fortsetze! Nicht nur, dass ich meinen Opa fünf Monate lang nicht gesehen hatte und fast drei Monate nicht mit ihm geredet hatte, jetzt sollte ich noch nicht mal zu seiner Beerdigung kommen. Nach reiflichen Überlegungen und der Suche nach Ratschlägen bei Freunden und meiner Gastfamilie habe ich mich letztendlich dann doch zum Bleiben entschieden. Ich hoffe bis heute, dass diese Entscheidung die Richtige war, doch das sollte jeder für sich entscheiden.
So albern es auch klingen mag, im Notfall sollte man sich vielleicht wirklich einmal hinsetzen und eine pro und contra Liste machen. Argumente, die mich im Endeffekt dann doch überzeugt haben, waren, dass ich auch ohne in Deutschland zu sein, Abschied von ihm nehmen konnte, dass mir keiner meiner Verwandten böse seien würde, wenn ich nicht zur Beerdigung erschiene und, so brutal es auch klingen mag, dass ein Rückflug sehr teuer gewesen wäre.
Trotz der Trauer war ich ziemlich überrascht und überwältigt von der Unterstützung meiner Organisation. Mein Betreuer, der zufällig im selben Ort wohnte wie ich, kam sofort vorbei, um sich zu erkundigen, wie es mir geht, und ich erhielt Anrufe aus New York, von der Hauptstelle meiner Organisation, und von der Betreuerin, die mich meiner Gastfamilie zugewiesen hatte. Alle waren ziemlich besorgt und wollten wissen, wie ich denn weiter vorgehen wolle. Noch bevor ich vor irgendeinem der Betreuer überhaupt erwähnt hatte, dass ich gerne nach Hause fliegen wolle, hatten sie schon einen Flug herausgesucht – für alle Fälle. Ich stand nun vor der schweren Aufgabe, mich zwischen drei Möglichkeiten zu entscheiden. Erstens nach Hause fliegen und den Austausch abbrechen. Zweitens auf eigene Kosten nach Deutschland zurück reisen und nach der Beerdigung wieder nach Amerika kommen. Und drittens: meinen Austausch nicht unterbrechen und in Amerika bleiben. Da Nummer eins für meine Eltern gar nicht erst in Frage kam, musste ich mich nun zwischen hin und her fliegen oder bleiben entscheiden. Letztendlich weiß ich nicht, was mich zum Bleiben bewogen hat, vielleicht war es die Tatsache, dass alle mir versichert haben, dass mein Opa nicht gewollt hätte, dass ich meinen Austausch unterbreche, vielleicht war es aber auch die Vorstellung, dass meine Eltern so viel Geld für diesen Flug bezahlen sollten, nur damit ich noch mehr in Trauer versinken würde… Ich denke, dass es in diesem Fall (leider) jedem selbst überlassen ist, für welchen Weg er oder sie sich entschiedet, doch man sollte jeden einzelnen Aspekt wirklich sehr gut und vielleicht sogar über mehrere Tage hinweg durchdenken, denn wenn man in diesem Fall die falsche Entscheidung trifft, tut das weder dem Austausch, noch einem selbst gut.
No. 2, von Matthias H.
Amerikaner sind viel religiöser als Deutsche. So glauben 95 Prozent aller Amerikaner an Gott, vier von fünf glauben an Wunder, an ein Leben nach dem Tod und an die Jungfräulichkeit Marias. An die Existenz des Teufels glauben 65 Prozent, 72 Prozent glauben, dass es Engel gibt. Die American Bible Society hat herausgefunden, dass neun von zehn Amerikanern eine Bibel besitzen, jeder vierte sogar mehr als vier Exemplare! Wie oft oder wie gründlich sie die Bibel nun wirklich lesen, steht auf einem anderen Blatt. Laut einer Umfrage des World Value Survey besuchen 44 Prozent der befragten Amerikaner mindestens einmal pro Woche einen Gottesdienst. In Deutschland sind es nur 18 Prozent.
Da sind Zahlen, die man als Gastschüler nicht ignorieren kann. Aber es gibt einen Trost: Kirche in Deutschland ist mit Kirche in Amerika nicht vergleichbar. Ich finde es in Amerika viel lockerer. Irgendwelche Leute verkünden während der Messe die jüngsten Neuigkeiten, stehen vor Gebeten auf und beten laut für ihre kranken Verwandten. Für mich war die Kirche eine gute Möglichkeit, Freunde zu finden. Normalerweise hat jede Kirche ihre Jugendgruppe, die sich jede Woche trifft und nicht selten tolle Sachen unternimmt. Wir haben Ausflüge zu Nationalparks gemacht und sind Bergsteigen gegangen, haben Nächte in der Kirche verbracht und sogar ein kirchliches Rock-Konzert in Minnesota besucht.
Die Kirche hier versucht Jugendliche anzusprechen und mit der Zeit zu gehen. Jugendliche tragen Shirts mit der Aufschrift “Jesus loves you” oder “Hell is hot, heaven is not” und hören sich Rock-Musik von christlichen Gruppen an. Hört sich dumm an? Ist es nicht. Ihr kennt wahrscheinlich DJ Bobo, oder? OK, der ist jetzt alt, aber vor ein paar Jahren, da haben alle zu seinen Liedern wie “Pray” etc. getanzt. Er war oben in den Charts und wurde in allen Discos und auf Parties gespielt. Und so müsst ihr euch diese christlichen Konzerte vorstellen. Die haben Rap-, Dance- und besonders Rockmusik.
Das beste christliche Konzert, dass ich hier gesehen habe, war in St Paul, Minnesota. Das war irre. Da waren mehr als 10 000 Leute. Ich habe noch nie Leute gesehen, die sich so extrovertiert zu Gott bekannt haben. Vor dem Konzert gab es Sprechöre: “We believe in God, yes, we do, and what about you?” Und während des Konzerts haben viele ihre Hände gen Himmel gehoben – ich habe noch nie so viele Leute auf einmal weinen sehen! Zwischen den Bandauftritten hatten sie Theateraufführungen und Sprecher. Ein Rapper hat erzählt, dass seine Mutter 14 Jahre alt war, als er geboren wurde, dass er dann weggerannt und in einer “Drogenfamilie” gelandet sei. Er kam dann ins Gefängnis und hat es nur geschafft, so sagte er, weil er Gott als Freund gefunden hat.
No. 1
Ich heiße Stephanie S. und bin für ein Jahr in South Dakota. Ich kam mit der deutschen Organisation STS, und hier in Amerika ist die Organisation PAX für mich verantwortlich. In Deutschland haben sie mir zwar erzählt, dass die Austauschschüler nicht in die Großstadt oder in ein kleines Kaff kommen. Aber ich wohne jetzt in dem Dorf Mellette, das ungefähr 200 Einwohner hat. Die nächste größere Stadt, Aberdeen, ist etwa 25 Minuten von Mellette entfernt. Wenn man erfährt, dass man nach South Dakota kommt, kann man sicher sein, dass man in eine kleine Stadt kommt, oder in ein winziges Dorf, denn was anderes gibt es nicht in South Dakota. Ich habe sehr spät erfahren, wohin ich komme. Ich hatte acht Tage Zeit zu packen. Meine neue Familie hatte sogar gefragt, ob ich nicht schon in drei Tagen kommen könne, das habe ich aber abgelehnt. Ich flog mit einem Gruppenflug von STS nach Washington. Auf dem Flug habe ich mit mehreren Schülern gesprochen, die auch erst kurz vor ihrem Abflug erfahren haben, wo sie ihr High School-Jahr verbringen werden. Ich habe erst gar nicht realisiert, das es ein ganz neues Kapitel in meinem Leben anbricht. Ich sitze im Flugzeug und denke: Guter Scherz kann ich jetzt raus? Doch wenn man die neue Familie sieht, mit Schildern am Flughafen wartend, weiß man, dass es ein tolles Jahr wird.
Mir gefällt es hier sehr gut. South Dakota ist sehr flach und es weht ein starker Wind. Im Winter und liegt sehr viel Schnee. In der kältesten Nacht, die wir hatten, waren minus vierzig Grad Celsius. Neben meinen Gasteltern habe ich einen Bruder, Doug 22, und zwei Schwestern, Janelle 19 und Kayla 16. Die Großeltern leben im Dorf und die andere Oma wohnt nicht weit weg. Auch die ganzen Onkels und Tanten wohnen ziemlich in der Nähe. Mein Bruder hat im Oktober geheiratet und ist schon lange nicht mehr daheim. Janelle geht aufs College und kommt ab und zu an den Wochenenden nach Hause.
Ich konnte eine Klasse überspringen und bin jetzt ein Junior (11. Klasse). Ich habe aber auch ein Fach mit den Sophomores (10. Klasse) und ein Fach mit den Seniors (12. Klasse). In der Schule komme ich gut klar. Es gibt mehr Hausaufgaben als in Deutschland, zum Beispiel etwas lesen, worüber man am nächsten Tag dann einen Test schreibt. Unsere Schule hat sehr strenge Regeln. Jeder Schüler muss den “Dress Code” akzeptieren. Wenn man das Klassenzimmer verlässt, braucht man einen Pass der zum Beispiel sagt, dass der Schüler zur Toilette muss oder zur Bücherei geht. Wir bekommen Punktabzug, wenn wir fluchen oder uns nicht respektvoll dem Lehrer gegenüber verhalten. Auch gibt es eine “Null Toleranz” mit Drogen in der Schule und in den verschiedenen sportlichen Aktivitäten. Ich bin im Basketball- und Volleyball-Team. In beiden Sportarten mussten wir unterschreiben, dass wir nicht trinken oder rauchen. Meine Betreuerin ist etwas komisch. Sie kümmert sich nicht richtig um die Schüler. Sie hat ca. 18 Schüler und sie hat sich einmal mit uns allen getroffen. Da habe ich mit vielen Schülern geredet, die nichts Gutes über sie gehört haben. Auch hatte ich mal ein Problem mit meiner Familie. Sie haben ein Telephongespräch mitgehört. Ich habe dann dieser Betreuerin einen Brief geschrieben, worauf sie sich nicht gemeldet hat. Nachdem ich das Problem selber gelöst hatte, rief sie an. Sie musste ihre monatlichen Fragen stellen, und am Schluss sagte sie mir, dass sie meinen Brief erhalten habe. Sie hätte aber nicht gewusst, ob sie anrufen sollte. Da wieder alles so ziemlich in Ordnung war, fand ich es nicht so schlimm, dass sie fürs Nichtstun bezahlt wird. In meinen ersten sechs Monaten in den Staaten hat sich diese Betreuerin nur dieses eine mal telephonisch bei mir gemeldet.
Mit meiner Gastmutter verstehe ich mich nicht so gut. Sie ist sehr misstrauisch und vor allem sehr streng (die amerikanischen Familien versuchen ihre Kinder sehr zu beschützen). Es heißt zwar, dass meine Gastschwester, Kayla, und ich die gleichen Regeln haben, das ist aber nur eine Theorie, glaube ich. Auch dass sie meine Anrufe mithören, hat mich sehr geschockt. Seitdem sage ich immer zu Freunden, mit denen ich auch in Deutschland auf englisch gesprochen habe, dass sie besser deutsch mit mir reden, denn ich weiß nie, wann jemand mithört. Ehrlich gesagt habe ich nie mit meiner Familie offen darüber geredet, ich habe es mehr geschluckt. Auf der einen Seite finde ich es nicht fair, aber auf der anderen weiß ich nicht, ob die Sache es Wert ist, einen Streit anzufangen.
Ich kenne einen Austauschschüler, der nicht weit weg von mir wohnt. Die Polizei hat ihn beim Trinken erwischt. Er hatte 0,3 Promille im Blut. Er muss nicht nach Hause, aber er muss verschiedene Alkohol-Klassen absolvieren. Sie haben ihm eine Geldstrafe erteilt, und wenn er wieder gegen das Gesetzt verstößt, muss er nach Hause. Er hatte Glück, dass sie ihn nicht ins Gefängnis gesteckt haben, denn es gibt ein Gesetz in South Dakota, das besagt: Wenn man unter 21 Jahre alt ist und Alkohol trinkt, muss man für 15 Tage hinter Gitter. Wenn man nicht sagt, von wem man den Alkohol hat, muss man für weitere 30 Tage ins Gefängnis. Er hatte auch schon vorher Probleme mit seiner Gastfamilie und hat sie jetzt auch gewechselt. Dieser Austauschschüler hat dieselbe Betreuerin wie ich. Eigentlich wollte er die Familie nicht wechseln, hat er mir einmal erzählt. Er hat unsere Betreuerin angerufen und gefragt, ob er die Familie wechseln soll. Dann kam er von der Schule und war ganz überrascht, dass seine Gastmutter ihn fragte, warum er es nicht zuerst ihnen erzählt hat, dass er die Familie wechseln soll.
Die Leute hier sind sehr gläubig. Man betet nicht laut in den Schulen, aber ab und zu sieht man Schüler, die vor dem Essen ihre Hände falten und ihre Augen schließen. Es ist auch normal, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Ich habe mich mal mit einer Tante von einer Austauschschülerin unterhalten, und sie hat gesagt, dass Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist. Das stimmt auch, es ist aber auch das Land, wo man nicht das Gesicht verlieren darf. Das passt nicht so ganz zusammen. Also, in Amerika kann man alles machen, solange man jeden Sonntag, am besten noch mit der ganzen Familie, zur Kirche geht. Auch wird man nie einen Schüler sehen, der vor einem Spiel bei der Amerikanischen Hymne nicht aufrecht dasteht und die rechte Hand aufs Herz legt. Ich kenne einige Austauschschüler die sagen: Ich mache das nicht in meinem Heimatland, warum soll ich es hier machen. Das wird akzeptiert. Viele tolerieren Homosexuelle nicht. Wir hatten einmal beim Mittagessen in der Schule das Thema Schwule. Ich habe dann gefragt, was daran falsch sei. Ihr könnt gar nicht glauben was ich für Blicke bekam. Dann hat eine Mitschülerin von mir gesagt “That’s just wrong!”
Trotzdem kann ich nur jedem zuraten, für ein Jahr einen Austausch zu machen. Es ist eine sehr gute Erfahrung. In den Staaten ist das Schulsystem vielleicht nicht ganz so gut wie in Deutschland, und das Essen ist ab und zu grauenhaft (vor allem das Schulessen). Aber es ist ein tolles Erlebnis. Man muss ja nicht unbedingt in die Staaten, wenn das einem nicht so zusagt.


