AFS Erfahrungsbericht - Paraguay
Maria, Paraguay 2009/10
„Es sind oft die kleinen Dinge des Alltags, die mich beeindrucken...“
Ich habe mich eigentlich für ein Vollstipendium für die USA beworben und habe auch den schriftlichen Test bestanden, um dieses zu bekommen, jedoch fiel die Wahl leider nicht auf mich. Als mir AFS anbot mir andere Länder als Alternative heraus zu suchen, wählte ich Paraguay. Alles war neu, so ungewohnt. Als wir das Flughafengebäude verließen, lachte uns die Wintersonne Paraguays an, die durch ein paar Palmen blinzelte. Alles schien so unwirklich und anders. Die zwei Tage im Orientierungscamp von AFS taten uns allen gut.
Ich war so glücklich, dass ich schon vorher mit meiner Gastfamilie Emails austauschen konnte. Ich wusste, dass ich zwei Gastschwestern haben würde- 17 und 8, was mich von Anfang an sehr beruhigte. Mein Gastvater und meine ältere Schwester sprechen Englisch, so dass ich auch damit am Anfang überleben könnte und das Wichtigste: die Chemie stimmte. Meine Familie war von Anfang an sehr bemüht, mir die Unterschiede so angenehm wie möglich näher zu bringen und mir mit vielen Beschreibungen ein Bild zu verschaffen, von dem Land, das bald mein zweites Heimatland werden sollte. Ich habe selten so verständnisvolle, aufgeschlossene und liebenswürdige Menschen kennen gelernt und mit jedem Tag fühle ich mich mehr und mehr wie ein Teil dieser Familie.
Die meisten Austauschschüler kommen in für paraguayische Verhältnisse reiche Familien. Fast alle meine Freunde, die ich über AFS kennen lernen konnte, haben wenigstens Klimaanlagen in ihren Autos, andere sprechen von Pools im Garten. Ich wohne in einem Viertel, dass von einem Bodyguard bewacht wird, das heißt, dass meine Familie mindestens zur Mittelschicht gehört. Mein erster Eindruck des Hauses als ich es zum ersten Mal betrat, war gut – anders, aber keinesfalls schlecht. Das Haus besteht aus zwei Etagen, ich habe mein eigenes Zimmer, wir haben eine Terrasse und besitzen einen TV. Was will man mehr? Wir haben sogar den Luxus eines Laptops.
Vieles hängt auch einfach von dem Austauschschüler selber ab- von Sichtweisen, Erfahrungen, Lebensweise und Ansprüchen. Für den Einen sind die Lebensumstände toll, der Andere ist unzufrieden. Für mich könnte es nicht besser sein. Ich habe in meiner Gastfamilie neue Freunde gefunden, die mir helfen, wo sie können und mich unterstützen und mir zuhören. Durch den Beruf meines Vaters habe ich die Chance jetzt, in den Sommerferien Tennis und Schwimmen als Hobbys in einem Sportcenter zu praktizieren. Meine Gastmutter, die um Geld zu verdienen, teilweise in Spanien arbeitet, schickt mir immer wieder Nutella, weil sie weiß, dass ich das sehr mag und dass es das hier leider nicht zu kaufen gibt. Es ist einfach das Tollste, was mir passieren konnte. Mittlerweile bin ich dankbar, dass ich das Stipendium für die USA nicht erhalten habe, ich bin dankbar dafür, die Chance zu haben, in einem so andersartigen Land, Erfahrungen sammeln zu dürfen. Ich könnte glücklicher nicht sein.
Für mich sind es besonders die kleinen Dinge des Alltags, die mich immer wieder beeindrucken. Viele Dinge, die ich hier sehe und hautnah erlebe, ergreifen mich, weil es trotz all der positiven Aspekte immer noch ein Dritte -Welt –Land ist, aber so traurig manche Umstände auch sein mögen, jedes Gespräch, jeder Eindruck und jeder Augenblick lehrt einen, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Ich habe gelernt, all den Luxus mit dem ich lebe, zu schätzen, ich habe gelernt, den Menschen, die ich liebe, „ich hab dich lieb“ zu sagen, ohne dass es einen besonderen Anlass gibt, ich habe gelernt, dankbarer zu sein, hilfsbereiter, aufgeschlossener.
Ich habe viel gesehen und gelernt und ich bin noch lange nicht erschöpft davon, mehr zu sehen. Mein Spanisch hat sich so sehr verbessert, dass ich mittlerweile mein drittes Buch lese. AFS half uns allen am Anfang mit einem 40-stündigen Sprachkurs und in der Familie und im Alltag zurecht zu finden und mit der Zeit lernt man einfach immer mehr Ausdrücke dazu. Auch Guaraní, die zweite Amtssprache Paraguays, klingt nach einer Weile nicht mehr fremd. Momentan bin ich einfach nur begeistert von der Erfahrung und dankbar für die Möglichkeit.
Paraguay war nicht das, was ich erwartet hatte und längst nicht das, wovon ich träumte, aber jetzt ist es das, was mich herausfordert und glücklich macht. Mittlerweile lebe ich hier.






