AFS Erfahrungsbericht - Polen
Carolin, Polen 2007/08
"Polen war genau das richtige Land für mich!"
Mein Hauptbeweggrund nach Polen zu fahren war die Gastfreundschaft, Kontaktbereitschaft und Offenheit der Polen. Diese Eigenschaften habe ich bei vorangegangenen Besuchen schon kennen und schätzen gelernt.
Und schon bei meiner Ankunft bestätigten sich meine Erwartungen. Ich wurde von meinen Gastschwestern empfangen und ein Cousin fuhr uns nach Hause. Ich war überrascht über die sehr guten Deutschkenntnisse der Mädchen und sehr glücklich – wo doch mein Polnisch noch mehr als unzureichend war.
Und so kam ich zu meiner ersten Gastfamilie, dort sollte ich nur die ersten ein, zwei Wochen wohnen weil meine eigentliche Familie noch mein Zimmer einrichten musste. In dieser Familie hatte ich drei Gastschwestern. Die Älteste lernte seit zehn Jahren deutsch, was die Verständigung deutlich erleichterte, mit den anderen beiden sprach ich englisch und die Eltern verstehen nur polnisch. Wir wohnten in einem schönen neu gebauten Einfamilienhaus, in dem ich mein eigenes Zimmer hatte. Mein Ankunftstag war ein Freitag und das erste, was mir auffiel war, dass es kein Fleisch gab sondern nur Fisch und Käse. Und vor dem Essen wurde zusammen gebetet. Dies waren meine ersten Kontakte mit polnischem Katholizismus, es war für mich eine positive Erfahrung, da ich in einer Atheistenfamilie die Einzige mit evangelischem Gauben bin.
Ich habe mir im Vorfeld viele Gedanken über den Glauben gemacht und ob es Probleme damit geben würde, dass ich evangelisch bin und nicht katholisch. Aber diese Sorgen waren unbegründet und ich habe in unserer katholischen Gemeinde eine viel bessere Gemeinschaft als zu Hause in Deutschland. Wichtig ist, dass wir alle Christen sind. Meine erste wie auch meine jetzige Familie sind in einer katholischen Gemeinde, die sich „Miasto na górze“ (Stadt auf dem Berg) nennt. Die Mitglieder dieser Gemeinde haben auch eine private katholische Grundschule, ein Gymnasium und ein Lyzeum gegründet. Außerdem gibt es Gruppen für jedes Alter: von Kindergartenkindern, über Gymnasiasten und Studenten bis zu den Erwachsenengruppen. Unsere Gruppe der 16-18-Jährigen heißt Harambee. Als mich meine Schwestern zum ersten Mal Freitagabend mit zum Treffen genommen haben, war ich überwältigt. Obwohl ich keinen kannte, waren alle nett zu mir, haben sich für mich interessiert und wollten sich mit mir unterhalten, ob auf Polnisch, Deutsch oder Englisch.
Ich gehe in die erste Klasse des katholischen Lyzeums unserer Gemeinde. Das entspricht der zehnten Klasse in Sachsen und in Bundesländern mit dreizehn Jahren der 11. Klasse. Auch von meinen Klassenkameraden und meiner Klassenlehrerin wurde ich sehr freundlich empfangen und aufgrund der geringen Schüleranzahl (14), herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre. Der Unterricht ist ähnlich wie in Deutschland, vielleicht machen die Lehrer ein bisschen mehr Frontalunterricht aber trotzdem verstehe ich das meiste. Und in Fächern wie Mathematik, Physik und Geografie schreibe ich die Tests mit und habe sogar schon ein paar gute Noten bekommen, obwohl ich nicht immer alle Aufgaben verstehe. Aber ich bin sehr glücklich, dass ich nicht so viel lernen muss, wie meine Schwestern. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die meisten polnischen Schüler wesentlich mehr lernen als deutsche. Wenn wir um fünf Uhr aus der Schule kommen, lernen sie noch bis spät in die Nacht. Zurzeit fahre ich mit dem Skitraining der Schule zweimal die Woche zum Training in einen nahe gelegenen Ort. Zweimal die Woche habe ich nach der Schule privaten Polnischunterricht, jeweils eine Stunde. Mein Polnisch hat sich in den vier Monaten schon beträchtlich verbessert. Wenn ich mich am Anfang noch kaum verständigen konnte, so rede ich jetzt die meiste Zeit polnisch obwohl meine Schwestern sehr gut deutsch sprechen. Aber polnisch ist eine sehr schöne Sprache, ich mag es sehr, polnisch zu sprechen und es fällt mir gar nicht mehr schwer. Auch verstehe ich die Leute sogar, wenn sie schnell sprechen, was zum Anfang undenkbar war.
Nachdem ich einen Monat bei meiner Übergangsfamilie gewohnt hatte, gefiel es mir dort so gut, dass ich die Familie gar nicht wechseln wollte. Aber trotzdem bin ich Anfang Oktober mit Sack und Pack zu meiner neuen Familie gezogen. Hier habe ich zwei Gastschwestern, die 17 und 18 Jahre alt sind, und einen Hund. Da auch diese Familie in unserer Kirchengemeinde ist, konnten wir uns vorher schon kennen lernen und ich sehe meine Freunde weiterhin jeden Freitag. Nach vier Monaten stellte meine Schwester fest, dass es ihr auch schon so vorkommt als würden wir uns schon ewig kennen und nicht erst so kurz. Ich habe hier in Polen wirklich eine zweite Heimat und Familie gefunden. Und es wird mir jetzt schon schwer ums Herz, wenn ich an den Abschied denke.
Von Polen habe ich bisher noch nicht soviel gesehen. Ich war mit der Klasse meiner Schwester ein paar Tage in Zakopane im Riesengebirge. Und zum Treffen der polnischen Partnerorganisation von AFS in Krakau. Außer dem habe ich ein Wochenende bei meiner Freundin aus Deutschland, die auch gerade ein Jahr in Polen ist, in Krakau verbracht.
Weihnachten haben wir mit der Familie verbracht. In Polen wird zu Heiligabend den Tag über nicht viel gegessen, denn sobald der erste Stern am Himmel zu sehen ist, beginnt das Abendessen, die Wigilia. Das Abendessen besteht zu Heiligabend traditionell aus zwölf Gängen, z.B. Fischsuppe, Krautrouladen, gefüllte Plinse, Piroggen, Rote-Bete-Suppe und Karpfen. Jeder muss von jeder Speise wenigstens ein kleines bisschen essen. Am Tisch ist ein Platz mehr gedeckt, für eventuelle Obdachlose oder andere Gäste. Unter dem Tischtuch liegt etwas Stroh, um daran zu Erinnern, dass Christus nach seiner Geburt auf Stroh gelegen hat. Außerdem gibt es noch einen schönen Brauch: Zu Weihnachten gibt es spezielle Oblaten mit Motiven von der Geburt Jesu oder ähnliche, man wünscht sich gegenseitig gute Dinge und bricht dann jeweils ein Stück von der Oblate des Anderen ab und isst es. Nach dem Abendbrot gibt es Geschenke und um Mitternacht gehen alle in die Kirche zur Messe. An den Weihnachtsfeiertagen bleibt man traditionell zu Hause und isst.
In Polen haben wir gerade zwei Wochen Winterferien. Ich werde diese Zeit nutzen um Ski zu fahren, wenn auch nur noch wenig Schnee liegt, und viel mit meinen Freunden unternehmen. Außerdem wollen wir nach Częstochowa und Krakau fahren. In der zweiten Woche werden wir unsere Oma für ein paar Tage besuchen.
Ich bin sehr glücklich, dass ich für mein Auslandsjahr Polen gewählt habe und bin mir sicher, dass es weiterhin ein unvergleichliches Jahr voller neuer Erfahrungen werden wird.“





