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AFS Erfahrungsbericht - Thailand

Judith, Thailand 2008/09

„In der Schule wurde ich wie ein Popstar behandelt...“

„Hallo, ich bin Judith und habe Anfang April 2008 meine Reise nach Phuket angetreten. Mit der Zeit entdeckte ich, wie interessant und wertvoll es sein kann, eine ganz andere Art des Lebens kennen zu lernen. Doch nun der Reihe nach:

Meine Gastfamilie stellte sich als wahrer Glücksfall heraus und ich lebte im touristischen Phuket wie in einer ganz normalen thailändischen Kleinstadt. Meine Familie wohnte in einem großen eigenen Haus in einer ruhigen, streng bewachten Siedlung. Mit einem Zaun grenzte sich die gehobene Mittelschicht von der ärmeren Bevölkerung ab, was für mich anfangs eher gewöhnungsbedürftig war. Meine Gasteltern hatten sehr viel Zeit für mich, wodurch bereits nach kürzester Zeit – trotz nicht unerheblicher Sprachbarrieren - ein inniges Verhältnis entstand. Zwei meiner Gastbrüder (19 und 17 Jahre alt) sah ich leider selten, sie studieren und leben in Bangkok, mein 14-jähriger Gastbruder Gap wuchs mir jedoch schnell ans Herz und wir wurden bald zu richtigen Geschwistern.

Die ersten sechs Wochen hatte ich Ferien und somit genug Zeit, mich einzuleben, an das schwüle Klima zu gewöhnen und in die thailändische Sprache einzuhören. Meine Gasteltern lernten täglich mehrere Stunden Thai mit mir und so konnte ich mich bereits nach kürzester Zeit verständigen, bis zum Ende meines Aufenthaltes lernte ich diese exotische Sprache fließend sprechen und verstehen.

Zum Schulbeginn musste ich mir von einem Straßenfriseur die Haare kinnlang zur Thaifrisur zurechtstutzen lassen, was umgerechnet gerade einmal einen Euro gekostet hat, und mir wurde eine Schuluniform verpasst. Beim täglichen Morgenappell am Pausenhof (hier wird u.a. die Flagge gehisst und die Nationalhymne gesungen) lernte ich nach und nach alle Lehrer und sehr viele der 4.500 Schüler/innen kennen. Als einzige „Weiße“ wurde ich die meiste Zeit wie ein Popstar behandelt, erstaunte Blicke, niedliche kleine Geschenke, die plötzlich auf meinem Pult lagen und Zurufe wie „I love you“ standen an der Tagesordnung.

Die Schule ging von 7.30 Uhr bis 17.00 Uhr, der Unterricht erfolgte natürlich in Thai und ich lernte so außergewöhnliche Dinge wie Fruchtkunstschnitzen, Thaitanz, das Spielen thailändischer Musikinstrumente und Thaikochen. Einerseits haben die Kinder und Jugendlichen unheimlich viel Respekt vor den Lehrern, andererseits gehen sie sehr freundschaftlich miteinander um, essen zusammen und sprechen sich mit Vornamen an. Die Schüler/innen müssen entsetzlich viele Regeln einhalten, zu lange Haare werden an Ort und Stelle gekürzt, lackierte Fingernägel, Make-up und Schmuck sind verboten. Als ich einmal Kuchen essend durch die Gänge lief, schimpfte eine Lehrerin mich aus, da man nicht im Laufen essen durfte und verpasste mir einen leichten Stockschlag auf die Beine. Das gleiche war die Folge, als ich mit verschränkten Beinen im Unterricht saß.

Die Schüler/innen untereinander hegen nur lose Freundschaften, in Thailand ist es allgemein verpönt, mit anderen über seine Gefühle zu reden. So besprechen z.B. auch Kinder und Eltern nur oberflächliche Dinge miteinander. Thaikinder haben sich stets unterzuordnen, und dürfen Eltern und Lehrern niemals widersprechen. Vor jedem Treffen mit meinen Freundinnen musste ich meinen Gasteltern genau erzählen, mit wem ich weggehen wollte, Jungs sollten möglichst nicht dabei sein. Mein Gastvater zog Erkundigungen über die jeweiligen Familien ein und entschied darüber, ob er mir den Umgang erlaubte oder nicht. Das ist in Thailand ein normaler Vorgang und stellte für mich mit der Zeit kein großes Problem mehr dar.

Ich wohnte zwar auf einer Trauminsel, an den Strand ging ich jedoch selten, denn die Thais meiden jeden Sonnenstrahl, weiße Haut gilt als schön. Zudem können die wenigsten Menschen in Phuket schwimmen, sie haben sogar Angst vor dem Meer, weil dort, wie geglaubt wird, immer noch die Geister der Tsunami-Opfer wohnen. Neben dem Buddhismus herrscht nämlich großteils der Animismus vor, der Geisterglaube. In thailändischen Haushalten leben angeblich Geister, für die in den Gärten richtige Häuschen stehen, in denen sie mit Essen und Getränken versorgt werden. Umgekehrt sorgt der Hausgeist für das Wohlergehen der Familienmitglieder. In meiner Gastfamilie war ich für die Versorgung der Geister zuständig und legte ihnen meistens etwas Obst ins Geisterhaus.

Die Thais sind ein sehr höfliches Volk, was manchmal zu aberwitzigen Situationen führt. So gibt es in Phuket einen Kreisverkehr, in dessen Mitte die Statuen von zwei anbetungswürdigen Frauen stehen. Jeder Thai, wirklich jeder!!!, lässt bei der Einfahrt in den Kreisverkehr das Lenkrad los und macht einen Wai, den traditionellen Gruß, bei dem beide Handinnenflächen aneinander gelegt und in unterschiedlicher Höhe vor das Gesicht oder die Brust gehalten werden, abhängig vom sozialen Status der Beteiligten.

Das Essen gehört zu den wirklich großen Leidenschaften der Thais, bei keinem Besuch kann man einer Einladung zum Essen ausweichen. Mit meiner Familie bin ich zudem gerne außerhalb zum Frühstücken gegangen, also in irgendeine Garküche, und das kurioserweise meist im Schlafanzug. Erst anschließend daheim machten wir uns fertig für die Schule. Dort hatten wir eine große Kantine, die Hausfrauen aus der Gegend jeden Tag mit hausgemachten Köstlichkeiten beluden. Das Essen kostete dort inklusive Getränk umgerechnet etwa 30 Cent und war wirklich sehr schmackhaft. Zu jedem Essen gehören Reis und das typische Thaicurry, welches in verschiedenen Schärfegraden serviert wird. In meiner Familie wurde eher selten daheim gekocht, nur manchmal sollte ich Schnitzel, Kartoffelbrei oder den von allen heiß geliebten Pudding zubereiten. Meine deutsche Mama sorgte mit Paketsendungen dafür, dass die Puddingzufuhr nie versiegte.

Ich selbst aß natürlich am Liebsten die thailändischen Gerichte und habe wirklich alles probiert, was mir vorgesetzt wurde, egal wie exotisch es mir auch vorkam. Von hundertjährigen Eiern, allen erdenklichen Insekten und Innereien bis hin zur Vogelnestsuppe habe ich alles gegessen und es ist mir stets bestens bekommen.

Durch meinen fast einjährigen Aufenthalt in Thailand konnte ich nahezu alle Feste im Jahreskreis miterleben. Am meisten beeindruckt hat mich dabei das „Vegetarian Festival“, das wichtigste Ereignis auf Phuket, währenddessen Einheimische in einer Art Trance durch die Straßen wandern und sich Messer und Spieße durch die Haut stechen, also wirklich nichts für schwache Nerven. Eine tolle Erfahrung war für mich auch meine Teilnahme an einer Parade meiner Schule, bei der ich in einem prächtigen Kostüm, geschneidert nach dem Lieblingskleid einer ehemaligen Königin, mitlaufen durfte.

Nun bin ich schon wieder gut drei Monate zuhause in Deutschland und lebe nach einer wirklich schwierigen Eingewöhnungsphase wieder ein ganz normales deutsches Leben. Etwa alle zwei Wochen telefoniere ich mit meiner Gastfamilie oder wir mailen uns. So nehme ich auch weiterhin teil an ihrem Leben und sie an meinem.

Ich bedanke mich bei AFS, besonders dem Komitee Würzburg, von dem ich bestens auf mein Auslandsjahr vorbereitet und betreut wurde. Ich kann nur jedem Jugendlichen raten mutig zu sein, den Schritt zu wagen und ein Gastschuljahr mit AFS im Ausland zu verbringen, ihr werdet es nicht bereuen!“

Big_afs
Happy Pupils

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