Australien

»No worries mate!« – Leben in Australien

Die symbolische Botschaft der australischen Flagge, der Union Jack und das »Kreuz des Südens«, ist genau genommen ein Anachronismus. Australien ist längst kein britischer Vorposten unter südlichem Himmel mehr. Der way of life ist amerikanisch geprägt und mit europäischen und asiatischen Tupfern durchsetzt. Keine andere Gesellschaft ist so bunt zusammengewürfelt wie die australische. Im Schmelztiegel Australien, dem sechstgrößten Land der Erde, versuchen 160 verschiedene Nationalitäten mit 90 Muttersprachen auf Englisch zu kommunizieren und hängen entsprechend ihrer Herkunftskultur nahezu 80 verschiedenen Religionen an. Über Multikulti wird hier nicht diskutiert, es wird gelebt. »Down Under«, wie die Australier selbstironisch sagen und was so viel bedeutet wie »irgendwo unter dem Äquator«, stehen die Jahreszeiten auf dem Kopf. Die Weinlese beginnt im Februar und die Junikäfer fliegen im Dezember. Dort gibt es Pflanzen und Tiere, die in keiner anderen Region des Globus zu finden sind, Bäume, die im Herbst ihre Rinde schälen statt ihre Blätter abzuwerfen, und Säugetiere, die Eier legen. Man fährt auf der linken statt auf der rechten Seite. Selbst das Wasser im Waschbecken fließt andersherum ab. All dies macht Australien zu einem Spektakel der Schöpfung, reich an Farben und Kontrasten, an Formen und Phänomenen. Eine ganz besondere »Spezies« sind die Australier selbst. Ohne alle über einen Kamm scheren zu wollen, kann man meines Erachtens durchaus ein paar Aussagen treffen, die die australische Gesellschaft zutreffend charakterisieren. Fremden gegenüber sind die Bewohner des »Land of Oz« in der Regel sehr aufgeschlossen und zudem außergewöhnlich hilfsbereit. Die meisten »Aussies« kultivieren ein sehr ungezwungenes Lebensgefühl, pflegen einen legeren, freundlich-humorvollen Umgangston und reden sich schon nach dem ersten Händedruck mit dem Vornamen an. Ein Begriff, den man in Gesprächen fast ständig hört, ist mate. Zum einen ist es die Bezeichnung für einen Freund oder Kumpel. Meistens hört man es jedoch als umgangssprachliche, oft recht oberflächliche Anrede für jedermann. Dazu passt, dass die Australier ungeachtet ihres sozialen Status meist großen Wert auf ungezwungene Umgangsformen legen. Australier lieben das socialising. Es ist keinesfalls unüblich, dass man während seiner Zeit in Australien nach Hause eingeladen wird (auch zu Übernachtungen). In Absprache mit seinen Gasteltern darf man solche Einladungen ruhig annehmen. Viele Australier haben europäische Vorfahren und finden europäische Besucher deshalb »sehr interessant«. Ziemlich australisch ist zudem das »easy going«, eine geruhsame Grundeinstellung, die sich durch alle Bereiche des alltäglichen Lebens zieht. Alles läuft halt ein bisschen lockerer ab und wird nicht allzu ernst und verbissen gesehen. Dazu kommt, dass es die Australier hervorragend verstehen, sich selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen und sich stattdessen viel lieber selbst auf den Arm nehmen. Ebenso informell sind die Australier bei Gesprächen, bei denen sie nicht lange um den heißen Brei herumreden. Tabu sind allerdings allzu persönliche Fragen. Ein Großteil der Australier mag als offen erscheinen, doch wenn es um Politik, Aboriginal People und Sex als Gesprächsthemen geht, ist Vorsicht angesagt. Da sollte man erstmal vorfühlen, ob der Gesprächspartner an oberflächlichem Small Talk oder einem ernsthaften Gespräch interessiert ist. Keinen Spaß verstehen die »Aussies« zudem, wenn der newcomer Australien ständig mit seinem Heimatland vergleicht und ihnen erzählt, wie toll dort alles ist und was man in Australien vielleicht noch ändern könnte. Möchte man bei den »Aussies« einige Pluspunkte sammeln, sollte man deshalb Sätze wie »we do it like this…« oder »we do it better at home« unbedingt vermeiden.

Aus: „Ein Schuljahr in Australien - Gastschüler an einer australischen High School“ Horst Giesler