In seinem Buch „Ein Schuljahr in Australien - Gastschüler an einer australischen High School“ gibt dir der Autor Horst Giesler von der Planung über das Leben in Australien bis hin zur Rückreise alle wichtigen Infos, die du für einen Schüleraustausch nach Australien brauchst. Hier bekommst du Tipps fürs gemeinsame Zusammenleben mit deiner Gastfamilie.

Meine neue Familie

Zu den spannendsten Momenten während des Austauschprogramms zählt sicherlich der erste Kontakt mit der zukünftigen Gastfamilie. Für sie ist der ganze Prozess mindestens genauso spannend wie für den Austauschschüler selbst. Über die Frage nach den Beweggründen der Gasteltern, sich einen »fremden Ausländer« ins Haus zu holen, sollte man sich deshalb vorab schon einmal Gedanken gemacht haben. Zahlreiche australische Familien haben europäische Wurzeln und holen sich mit einem Gastschüler ein Stück Europa ins Haus. Viele Eltern spekulieren auch darauf, dass diese »Internationalität « auf ihre Kinder abfärbt und deren Horizont erweitert. Nicht selten entwickeln sich lebenslange Freundschaften zwischen Gastfamilie und Gastschüler. Die Hoffnung auf eine derartige Freundschaft kann durchaus ein Motiv sein. Unter Umständen sind es auch finanzielle Gründe, sich als Gastfamilie zur Verfügung zu stellen. Trotz all dieser Unterschiede darf man jedoch davon ausgehen, dass sich die Gasteltern in der Regel auf ihre Aufgabe freuen und auch darauf vorbereitet sind. Mindestens genauso wichtig ist es, sich im Klaren darüber zu sein, wie sich das Leben im neuen Zuhause gestaltet. Man sollte nicht davon ausgehen, dass jede Gastfamilie in einer angesagten Metropole einen mondänen Lebensstil pflegt, der großzügiges Wohnen und teures Freizeitvergnügen erlaubt. Obwohl es diese Familien durchaus gibt, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass man diesen »Sechser im Lotto« nicht bekommt. In der Regel arbeiten die Eltern – vielleicht in der »Provinz« – und haben auch nicht die zeitlichen und finanziellen Ressourcen um die Gastschüler sieben Tage in der Woche zu »entertainen« oder Abenteuerreisen zu veranstalten. Zudem muss man sich darauf gefasst machen, den heimatlichen Komfort eines eigenen Zimmers – wenn man ihn denn je gehabt hat – aufgeben zu müssen. Nicht selten teilt man sich das Zimmer mit einem Kind der Familie oder einem anderen Gastschüler, der wahrscheinlich dieselbe Schule besucht. Die klassische Variante der Gastfamilie mit zwei Elternteilen und einem oder mehreren Kindern sollte ebenfalls nicht unbedingt vorausgesetzt werden. Vom älteren Ehepaar, das mehr an Oma oder Opa erinnert bis zur allein erziehenden Mutter reicht hier das Spektrum. Klarheit sollte auch darüber herrschen, dass sich potentielle Gastfamilien aus allen ethnischen Gruppen rekrutieren. Kann sich jemand nicht vorstellen in einer Familie mit Wurzeln in der australischen Urbevölkerung oder in einer Familie mit asiatischer Abstammung zu leben, ist es vielleicht das Beste, sich noch einmal Gedanken darüber zu machen, ob man wirklich als Gastschüler geeignet ist.

Genau wie der Gastschüler hat natürlich auch die Gastfamilie Erwartungen an das neue »Familienmitglied«. Diese sollte man keinesfalls unterschätzen. Wie diese Erwartungen konkret aussehen, sollte man möglichst früh klären. Gerade in der Eingewöhnungsphase wird es nicht immer leicht sein, sich an den Lebensrhythmus der Gastfamilie zu gewöhnen. Andere Essensgewohnheiten (Zutaten, Dauer, Zeitpunkt), neuer Tagesrhythmus, andere Vorstellungen von Ordnung und Hygiene…, dies sind nur einige Punkte, die gerade am Anfang wahrscheinlich etwas mehr Flexibilität vonseiten des Gastschülers erfordern werden. Mit kleinen Arrangements sollten sich diese aber ohne größere Schwierigkeit beheben lassen. Ähnlich wie in der eigenen Familie gibt es auch in den Gastfamilien zum Teil konkrete Vorstellungen darüber, wer wann was wie zu machen hat. Es ist davon auszugehen, dass diese sich sehr stark von dem bisher Gewohnten unterscheiden. Um Missverständnisse und Konflikte erst gar nicht aufkommen zu lassen, heißt es auch hier Augen und Ohren offen halten und anpacken. Hinweise darauf, dass man dies oder das auch ganz anders machen kann, sollte man sich tunlichst verkneifen und seinen »Job« einfach ohne großes Gejammer erledigen. Zu Irritationen können auch die ersten selbstständigen Versuche in der englischen Sprache führen. Viele Gasteltern sind »absolutetly not amused«, wenn ihre Gäste aus Übersee ihre sprachlichen Fortschritte damit dokumentieren, dass sie möglichst viele Schimpf-bzw. Fluchworte in ihr Vokabular mit aufnehmen. Was in Gesprächen mit den Gastgeschwistern und den neuen Freunden in der Schule als normal erscheint, wird von vielen Gasteltern übel aufgenommen. Also Vorsicht!!

Aus: „Ein Schuljahr in Australien - Gastschüler an einer australischen High School“ Horst Giesler